„NICHT nur ICH“
Man bekommt einen Zettel und ganz oben steht der eigenen Name. Darunter die Diagnose. Aber das ist zu wenig. Unter meinem Namen sollte in Klammer ebenfalls meine Familie und das engste Umfeld angeführt werden. Denn auch sie betrifft es, auch sie können nicht davor flüchten – auch sie sind Teil davon.
Danke, Eva, dass du du uns das mit dem unten angeführten Text deutlich machst.
„𝗚𝗔𝗦𝗧𝗕𝗘𝗜𝗧𝗥𝗔𝗚“ meiner besten Freundin“:
(Rückblick April 2020)
Inmitten meiner Psychohygiene aufgrund der ohnehin beängstigenden Coronazeit trifft es mich völlig unvorhersehbar und unerwartet.
Meine beste Freundin hat Krebs. Brustkrebs um genau zu sein. Bösartig und schnell wachsend.
Dass bei einer Routineuntersuchung etwas auffällig war, wusste ich. Dass es Krebs ist – daran traute ich mich bis zur Diagnose nicht denken.Ich habe sie seit der Mammographie nur kurz gesehen. Im Freien und mit Babyelefanten. Da waren wir noch guter Dinge. Schnipp schnapp raus damit und gut ists. Aber plötzlich kam alles anders.
Wir (ich und 2 Freundinnen) sitzen Ende April weit verstreut auf der Terrasse und warten gespannt auf ihr Eintreffen. Zum ersten Mal seit Corona können wir persönlich darüber reden und ihr zumindest das Gefühl geben, wir würden sie in den Arm nehmen und trösten.
Sie betritt mit reichlich Verspätung den Garten. Die Augen gerötet, ihr Körper erschöpft, verstört, fast leblos.Ich traue mich zu fragen, was los ist. „Der Arzt hat mich heute angerufen. Es ist bösartig und schnellwachsend. Ich brauche eine Chemo.“
Stille. 1000 Gedanken in meinem Kopf. Ich finde keine Worte. Ich bin wie erstarrt, kann nichts sagen, das meine Angst um sie nicht irgendwie mitschwingen lässt. Mit einem „wird schon wieder“ lässt sich so eine Botschaft nicht abtun. Ich versuche, ihr so gut es geht Trost zu schenken, sage ihr, was auch kommen mag, ich werde immer für sie da sein. Wie paralysiert mache ich mich auf den Heimweg…
Ich wache auf und hoffe, dass alles nur ein Traum war. Ich gehe in die Küche und starte mit einem Müsli in den Tag. Ich denke immer wieder an den letzten Abend, aber es fühlt sich nicht real an. Also wird es wohl auch nicht real sein.
Es ist Mittag und ich beginne mit dem Kochen. Meine Kinder und mein Mann sind mit Homeoffice, distancelearning und Fehlersuchbildern beschäftigt. Ich beobachte sie aus der Küche, fühle mich glücklich und zufrieden und plötzlich, als jegliche Anspannung der letzten Stunden von mir abfällt, bricht es über mir ein wie eine alte, morsche Brücke.
KREBS. BÖSARTIG.
Die aufgestauten Gefühle, die Ängste, die Hilflosigkeit. All das fließt manifestiert zu Tränen aus den Tiefen meiner Seele. Ich sinke zu Boden und habe das Gefühl, meine Füße wollen mich nicht mehr tragen. Die Angst beraubt mich meiner Kräfte.
Ich habe vor wenigen Tagen einen geliebten Menschen verloren und die Trauer sitz mir noch schwer im Nacken. Meine Familie und meine Angehörigen standen mit gebrochenem Herzen verteilt um das Grab meiner wundervollen Oma. Wir vergossen Tränen für den selben geliebten Menschen – hatten mehr gemeinsam als sie restlichen Tage des Jahres und doch war jeder völlig alleine.
Corona lässt nicht zu, dass wir einander in die Arme nehmen. So auch bei meiner geliebten Freundin.
Ich möchte sie drücken, ihr ins Ohr flüstern, dass ich ihr helfe, dem Krebs in den Hintern zu treten, dass sie das nicht alleine durchstehen muss und alles wieder gut wird.