„Der Professor“

Rückblick 17. Mai 2020

Vor 4 Wochen hatte ich hier meinen ersten Arzttermin bezüglich meiner Diagnose und heute bin ich wieder hier.

Dazwischen liegt ein Meer an Arztterminen, Meinungen, Herangehensweisen und Therapieansätzen.
Und ich mitten drin.
Die meiste Zeit herrschte raue See.
Ein Termin machte mich „himmelhochjauchzend“, der nächste „zu Tode betrübt“.
In meinen kleinen angeschlagenen Boot segelte ich durch dieses ständige Auf und Ab nur mit einer vagen Vermutung was vor mir liegt.

Eines hat sich die letzten Wochen herauskristallisiert – ich werde für mich eine individuelle Therapie wählen.
Ich möchte Dinge ausprobieren, eventuell empfohlene Therapien auslassen  (wenn sie mir nicht gut tun) oder „nicht empfohlenes“ trotzdem machen (wenn es mir gut tun).

Aber wie sag ich das meinem Arzt?
Seit einer Woche überlege ich, arbeite Formulierungen aus, bereite gedanklich eine Rede vor.
Alles nur zu einem Zweck – er soll mich nicht abweisen.
„Andere“ gaben mir im Zuge des Beratungsgesprächs zu verstehen, dass sie mich nicht „behandeln“ bzw „betreuen“ können, wenn ich nicht zu 100% der empfohlenen Therapie folge –  zu groß sei das Risiko und eine Verantwortung, die sie nicht übernehmen möchten.

Was wenn mein Arzt ebenso reagiert?
Lässt er mich auch allein?

Mit meiner Unsicherheit?
Mit meiner Angst?
Muss ich dann alles alleine durchstehen?
Ohne „Profi“ an meiner Seite?


Nein, das darf nicht passieren! Meine Rede muss sitzen!

Sie muss ihn überzeugen mir beizustehen, auch wenn es nicht zu 100% „Therapie Plan A“ ist.
Die Tage vor dem Termin mit ihm, grüble ich, stelle ich Argumente zusammen, wiederhole Satzphrasen und Ausdrucksweisen.
Ich hab wahrscheinlich ca. 10 Minuten Redezeit um alles auf den Punkt zu bringen.

Ok, das schaffe ich – hoffe ich.

Dann ist es soweit, ich sitze im Warteraum.
Bin ungeduldig und zappelig. Ich höre Schritte und die Tür öffnet sich.
Mit meinem Mund voll mit Worten und Überzeugungen betrete ich den Raum,  höchstbereit ohne Umschweife meine Rede zu halten. Ich muss das Überraschungsmoment nutzen – ihn förmlich  überrumpeln.

Ich möchte mich setzen und los starten, doch schon bevor ich den Stuhl erreiche, beginnt mein Arzt zu reden.
Und er redet und redet und redet.
Verdammt. Nein! Jetzt hat er mich ausgetrickst.
Hatte er den selben Plan?
Hat er den Spieß jetzt umgedreht?

Oh no, kommt jetzt die „ins-Gewissen-Rede“ seinerseits, die ich die letzten Wochen so oft von anderen gehört habe?

Ich bin am Boden zerstört und schweife gedanklich ab.

Ok, er kann mich zwar verunsichern, aber umstimmen kann er mich nicht.

Und wie ich so mit einem halben Ohr zuhöre kommt mir etwas seltsam vor.
Seine Worte gehen in eine ganz andere Richtung als von mir erwartet.
Es rennt mir kalt über den Rücken und ich bekomme Gänsehaut.

Er spricht die Worte und Gedanken aus, die ich so lange schon mit mir herum trage.
 
Er versteht, er wiegt ab, er weist hin.
Aber er manipuliert nicht, drängt nicht, schürt keine Angst.
Er erklärt und zeigt auf – ohne Beurteilung.

Und plötzlich ist es hier – hier im Raum – das ganze Spektrum an Sichtweisen und Möglichkeiten.

Ja genau, das ist er, mein Arzt, der Professor.

Seit einigen Jahren bin ich jetzt schon seine Patientin.
Seither bin ich immer wieder aufs Neue beeindruckt.

Ich darf mir seinen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz zu Nutze machen, von seiner unbezahlbaren Intuition profitieren und vor allem sein humanes Wesen spüren. 

Er sieht mich als Mensch, als Individuum und nicht nur als „Krankheit“ bzw. „Diagnose“.

Aber jetzt das momentan für mich Wichtigste:

Er steht mir bei. Er geht den Weg mit mir. Er lässt mich nicht allein.

Das ist alles was ich hören wollte.

Meine Augen füllen sich mit Tränen.

Plötzlich ist der mit Ornamente verzierte Stuhl nicht nur mehr ein Stuhl. Ich spüre wie ich in Geborgenheit gebettet bin – umhüllt mit Zuversicht.
Die Angst fällt ab und ich fühle mich sicher und stark für alles was auf mich zukommen wird.

Wir verabschieden uns und als ich den Raum verließ, stoße ich innerlich ein „Daaaanke, Schicksal, dass du mir diesen Menschen als stützende Säule mit auf den Weg gibst“ aus.
(Tatsächlich schreie ich quer durch die Ordination und in Richtung der Damen am Empfang ein vor Erleichterung und Überwältigung strotzendes „Ich liebe diesen Menschen!!!“ aus – und ernte von den anderen anwesenden Patientinnen seltsame und verstörte Blicke und von den Ordinationsdamen nickende Zustimmung.)

Ich fahre nach Hause – leicht wie eine Feder, voller Hoffnung und mit meinem individuellen Plan in meiner Tasche.